Andacht - Passionszeit
Das größte Drama aller zeiten!

„[...]Wenn wir das in den Glaubensbekenntnissen der Kirche klar bezeugte Drama langweilig finden, dann haben wir diese erstaunlichen Schriftstücke entweder nie wirklich gelesen oder aber so oft gedankenlos rezitiert, dass wir alle Empfindung für ihren Sinn verloren haben.
[..][Die christliche Geschichte beginnt] nach der Angabe des Matthäus fröhlich an einem bestimmten Ort und unter einem bestimmten Datum: “Als Jesus geboren wurde zu Bethlehem in Judäa in den Tagen des Königs Herodes.“ Und noch praktischer fixiert Lukas die Sache, indem er sich auf ein Ereignis der damaligen Finanzpolitik bezieht. Gott wurde Mensch, sagt er, in dem Jahr, als der Cäsar Augustus anlässlich eines Steuerplans eine Volkszählung veranstaltete. Gerade wie wenn bei uns ein Ereignis datiert würde mit der Angabe: Es geschah in dem Jahr, als [...][der Euro eingeführt wurde]! Rund 33 Jahre später, wird uns dann berichtet, wurde Gott, weil er ein politisches Ärgernis geworden war, hingerichtet: „unter Pontius Pilatus“, wie wenn man heute sagt: [...][Als Angela Merkel Bundeskanzlerin war]! Es ist alles so genau und konkret wie nur möglich.
Es möchte uns vielleicht angenehmer sein, diese Geschichte nicht allzu ernst nehmen zu müssen. Denn manches in dieser Geschichte ist sehr beunruhigend. Da hatten wir, mitten unter uns wandelnd und redend, einen Menschen göttlichen Wesens – und was wussten wir mit ihm anzufangen? Das gemeine Volk freilich „hörte ihn gerne“. Unsere führenden Autoritäten in Kirche und Staat aber fanden, er rede zu viel und sage dabei allerlei irritierende Wahrheiten. Und so bestachen wir einen seiner Freunde, ihn in aller Stille der Polizei auszuliefern. Wir machten ihm mit einer reichlich allgemeinen Anklage wegen Unruhestiftung den Prozess. Wir ließen ihn öffentlich auspeitschen und an den Galgen hängen „und dankten Gott, dass wir den Schelm los waren“. Das alles hätte uns auch dann nicht eben Ehre gemacht, wenn er (wie manche dachten und noch denken) nur ein harmlos verrückter Sektenprediger gewesen wäre. Aber wenn die Kirche mit ihrem Bekenntnis zu ihm im Recht ist, dann war das Alles sehr viel schlimmer: der Mensch, den wir gehenkt haben, war der Allmächtige Gott!
Das also ist im Umriss die Aussage der Kirche: sie ist der Bericht von der Zeit, da Gott mit Füßen getreten und geschlagen wurde, da er sich selbst den von ihm selbst aufgestellten menschlichen Lebensbedingungen unterwarf und den Menschen gleich wurde, die er geschaffen hatte, und da die Menschen, die er geschaffen hatte, ihn schlugen und töteten. Das ist das Dogma, das wir so langweilig finden: dieses schreckliche Drama, in welchem Gott das Opfer und der Held ist.
Wenn das langweilig ist, was, um Himmels willen, ist dann Wert, aufregend genannt zu werden? Das muss man denen, die Christus an den Galgen brachten, zubilligen, dass sie ihn jedenfalls nicht etwa anklagten, langweilig zu sein. Im Gegenteil: sie fühlten sich in ihrer Sicherheit durch seine Dynamik aufgestört. Es war späteren Generationen vorbehalten, das Bild dieser alles erschütternden Persönlichkeit abzudämpfen und mit einer Atmosphäre von Schwäche zu umgeben. Wir wussten dem „Löwen von Juda“ seine Pranken sehr wirksam zu beschneiden! Wir gaben ihm das Zeugnis, der „freundliche Jesus, sanft und mild“ zu sein. Wir empfahlen ihn als geeigneten Hausliebling für bleiche Geistliche oder für fromme alte Damen. Denen, die ihn kannten, machte er in keiner Weise den Eindruck eines harmlosen Milchgesichtes: sie widerstanden ihm als einem gefährlichen Feuerbrand. Ja, er war zart mit den Unglücklichen, geduldig mit den ehrlichen Suchern und demütig vor dem Himmel. Es machte ihm aber auch nichts aus, ehrwürdige Kirchenmänner als Heuchler zu beleidigen. Er hat den König Herodes „diesen Fuchs“ genannt. Er ging in höchst unpassender Begleitung in gute Gesellschaft und musste sich als „ein Fresser und Weinsäufer, der Zöllner und Sünder Geselle“ bezeichnen lassen. Er überfiel zu ihrer Entrüstung würdige Geschäftsherren und warf sie und ihre Habe zum Tempel hinaus. [...]Er machte gesund, wie es ihm gerade passte: mit einer ärgerlichen Unbekümmertheit um anderer Leute Schweine und Eigentum! Er zeigte keinerlei besondere Ehrfurcht vor Vermögen und Rang. Er entfaltete, wenn man ihm geschickte dialektische Fallen stellte, einen paradoxen Humor, der ernst gesinnte Leute vor den Kopf stoßen musste, und antwortete, indem er unangenehm forschende Gegenfragen stellte, die nicht im Handumdrehen zu beantworten waren. Er war als Mensch seiner Lebtage in der nachdrücklichsten Weise – kein langweiliger Mensch. Und wenn er Gott war, dann ist Gott wahrhaftig keine langweilige Angelegenheit. Es „zeigt sein Leben täglich ein Schönheit, die uns hässlich macht“, und die offizielle Welt fühlte, dass die bestehende Ordnung sicherer ohne ihn als mit ihm zu erhalten sei. So haben sie denn im Namen von Frieden und Ruhe mit Gott aufgeräumt!
[...] Wir können diese Lehre erleuchtend nennen oder verherend. Wir können sie Offenbarung nennen oder auch alten Plunder. Wenn wir sie aber langweilig nennen, dann haben Worte keinen Sinn mehr. Dass Gott des Menschen Tyrann sei, das ist die düstere Meinung unfreier Sklaven. Dass der Mensch des Menschen Tyrann sei, das ist das übliche traurige Lied menschlicher Erbärmlichkeit. Aber dass der Mensch zum Tyrannen Gottes wird und in ihm einen besseren Menschen findet als in sich selber, das ist der Inhalt eines auf alle Fälle erstaunlichen Dramas. Jeder Journalist, der das zum ersten Male hören würde, würde es sofort als „Neuigkeit“ erkennen. Und die das zum ersten Male hörten, nannten es wirklich „Neuigkeit“, und zwar gute Neuigkeit – uns zum Trotz, die wir imstande sind zu vergessen, dass das Wort „Evangelium“ immer etwas so sensationelles meinte.
Vielleicht ist das Drama nun ausgespielt und Jesus glücklich gestorben und begraben. Vielleicht. Es ist eine ironische und ergötzliche Erinnerung, dass diese Meinung wenigstens einmal in der Weltgeschichte in voller Überzeugung ausgesprochen worden sein könnte: am Vorabend von Jesu Auferstehung von den Toten.“
(aus Dorothy L. Sayers, Das größte Drama aller Zeiten.)
