Andacht - Januar 2010
Und du sollst den HERRN, deinen Gott, lieben, von ganzem Herzen, von ganzer Seele und mit deiner ganzen Kraft.
(5. Mose 6,5)

Starke Worte mit einer starken Forderung. Ich "soll" lieben. Das wiederstrebt mir im ersten Moment. Zwang hat für mich nun wirklich nichts mit Liebe zu tun. Ein Text von Helmut Thielicke hilft mir mit deisem soll umzugehen:
Liebe als Echo
Weil Gott mir mit seiner Liebe entgegenkommt, weil er um mich gelitten hat und sein ganzes Herz mit entgegenschlägt, wenn er mir auf der Treppe des Vaterhauses entgegenkommt, darum, nur darum, kann ich ihn wieder lieben. Nur darum kann ich das ganze Gesetzt auf einmal erfüllen. Denn die Liebe ist ja des Gesetzes Erfüllung.
Hier seiht man ein großes Geheimnis offenkundig werden: Es wird nämlich klar, warum das Gesetz mich niemals zum Ziel bringen kann, warum es mich immer nur zu verwunden und in der Wundheit zu erhalten vermag.
Denn "auf Kommando" kann ich ja nicht lieben, auf Kommando kann ich nur parieren. Gehorchen, parieren heißt aber immer, dass ich etwas in mir überwinden, etwas niederkämpfen muss. Deshalb ist ja in der Volkssprache auch sehr drastisch vom Schweinehund die rede, den es zu überwinden gilt, wenn der Befehl kommt. Der "Schweinehund" der Müdigkeit, der Angst, des Trotzes. Darum bin ich beim Gehorchen auch nie ganz dabei, sondern höchstens mit der besseren Hälfte meines Ichs, während die andere gleichsam in Opposition bleibt. Beim Lieben aber bin ich ganz dabei; denn Liebe ist ja eine Bewegung meines ganzen Herzens, Liebe ist ja immer überströmende und schrankenlose Hingabe. Darum kann man sie nie befehlen, darum kann sie nur in einem einzigen Fall Ereignis werden.
Ich kann nämlich nur dann mein ganzes Herz schenken, wenn mir ein ganzes Herz entgegenschlägt. Ich kann nur dann lieben, wenn mir liebe entgegengebracht wird.
Und eben dieses Wunder geschieht nun, wenn ich vor Jesus stehe. Da schaue ich dem Vater mitten ins Herz: in das Herz, das sich losgerissen hat vom Liebsten, vom eingeborenen Sohn; in das Herz, das um meinetwillen blutet; in das Herz, das für einen Menschen schlägt, der da auf der untersten Stufe steht und seine Augen nicht zu erheben wagt. Und dieser Mensch bin ich.
Ja, den kann ich nun lieben, der da auf einmal neben mir steht auf der untersten Stufe, statt dass er in der Glorie des Himmels bleibt.
Was die Donner und Blitze des Berges Sinai nicht zuwege brachten, dass nämlich mein Herz zur Liebe frei wird und dass ich von ganzem Herzen Kind sein und mich im Vaterhaus geborgen fühlen darf, das kommt durch den Einen zustande, der mir als Bruder entgegenkommt und mich geleitet.
"Siehe hier bringe ich ihn", sagt er einem Vater, nachdem er mich abgeholt hat tief unten, "ich habe ihn gar teuer erworden." Und um meines Bruders Jesus Christus willen darf ich kommen.
Ist es wirklich moch ein "Befehl", ist es noch ein "Gesetz", wenn es jetzt heißt: Lasset und ihn lieben; denn er hat uns zuerst geliebt? Oder ist dieses Wiederlieben nicht bloß ein Echo, das ich gar nicht abzudämpfen vermag, weil es übermächtig in mir losbricht, ein Echo der jubelnden Gewißheit: Ich bin geliebt, ich bin geliebt, ich darf kommen.
